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  • AutorenbildHilge Kohler

Vergesst Code, lernt Kunst: Was wir brauchen, damit KI und Kreativität gut zusammen gehen


Um mit ChatGPT, Gemini & Co zu arbeiten, müssen wir nicht Prompt Engineering trainieren. Kunstgeschichte kann mindestens so gut helfen, aus Sprachmodellen das Beste herauszuholen.



Zwei Menschen und zwei Roboter stehen vor einem Gemälde in einer Kunstgalerie. Auf dem Gemälde sind lauter Roboter, die auf die Betrachter schauen.
„Eine Frau und zwei kleine freundliche Roboter stehen im Louvre und schauen ein Bild an, auf dem viele kleine freundliche Roboter gezeichnet sind. Stil: Ukiyo-e." [Dall-E]


Warum sehe ich seit Monaten so viele KI-Bilder im Stil von Cyberpunk, Anime oder Retro Wave? Können ChatGPT & Co keine anderen Stile? 


Viele würden sagen: Das liegt am Prompt. Wer gut prompten kann, kann alles aus den Tools herausholen. Aber wie lernen wir, gut zu prompten? Indem wir Kurse für Prompt Engineering besuchen? Oder die ausgefeilten, strukturierten Prompts kopieren, die „KI Experten“ auf LinkedIn veröffentlichen? Oder gar Prompts für einige Euro kaufen, wie das manche tun? 


Neulich stolperte ich über einen Vorschlag, der mir neu war. Der Gedanke gefiel mir auf Anhieb. Veröffentlicht hatte ihn Ethan Mollick in einem Blogpost im Februar 2023. Ein Text, der über ein Jahr alt ist, mutet in Zeiten generativer KI fast antik an. Trotzdem erschien er mir hochaktuell. 



Ist Kunstgeschichte wichtiger als Prompt Engineering?


Mollick argumentiert, dass wir das Potenzial der Bildgenerierung mit generativer KI nicht ausschöpfen, wenn wir kein Grundwissen an Kunst und Kulturgeschichte mitbringen. Wir produzieren das, was uns schon bekannt ist, weil wir gängige Stilvorgaben an Bildgeneratoren übernehmen. Wir prompten einfach „Stil: Cyberpunk“ oder „Stil: Anime“, weil wir das so gesehen haben. Andere Stilrichtungen werden kaum verwendet, egal wie bekannt sie in der Kunstwelt sind. Zum Beispiel der von Alfons Mucha geprägte Jugendstil oder der japanische Ukiyo-e Stil, wie er in dem Holzdruck „Die große Welle vor Kanagawa“ zu sehen ist. 


Eine absurde Situation: Unser kulturelles Erbe ist in den Systemen gespeichert, aber um es zu heben, müssen wir selbst unser kulturelles Erbe kennen. 

Beim Schreiben ist es nicht anders. Wahrscheinlich haben viele von uns schon mit den oft zitierten Prompt-Ergänzungen gespielt: Schreibe wie Mark Twain, schreibe wie Shakespeare, schreibe wie Joanne K. Rowling. Aber wer experimentiert mit den Schreibstilen von weniger populären Autorinnen und Autoren? Und wer kann den Stil der eigenen Lieblingsautoren beschreiben? Was zeichnet den Schreibstil von H.P. Lovecraft, Kurt Tucholsky oder Boris Vian aus und woran erkenne ich ihren Stil? 



Schreiben mit Stil: Deutsch wird zur Programmiersprache 


Ich finde den Gedanken interessant, dass wir umso mehr aus Sprachmodellen herausholen können, je breiter wir in Kultur, Kunst, Literatur aufgestellt sind. Es gibt ja den Spruch: Die wichtigste Programmiersprache der Zukunft ist Englisch bzw. in Deutschland Deutsch. Will sagen: Je ausgefeilter ich meine Prompts formulieren kann, desto passender und origineller wird mein Ergebnis. Dabei geht es nicht um Markdown-Syntax und dergleichen. Sondern darum, eigene Vorstellungen so zu beschreiben, dass mein Gegenüber sie versteht und mit ihnen arbeiten kann. 


Vor einigen Jahren forderte Jack Ma, dass wir Menschen uns auf kreative Fähigkeiten konzentrieren sollten. Der Gründer von Alibaba (dem chinesischen Amazon) argumentierte, dass in Zukunft alles Nicht-Kreative, alles Replizierbare bald besser von Robotern erledigt werden kann. Deshalb sollten wir mehr Zeit für Themen wie Musik, Kunst und Sport aufbringen, schon in der Ausbildung unserer Kinder. Seine Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos sorgte für Diskussionen um Zukunftskompetenzen, und natürlich blieb sie nicht unwidersprochen. Seine Gedanken waren mir sofort sympathisch. Ich würde mich den Kreativen und nicht den Techies zuordnen, und da fand ich es beruhigend zu hören, dass unsere Zunft in Zukunft gebraucht wird.



Kreativität und KI: Freund oder Feind? 


Dann kam ChatGPT. Und mit ihm kam die Sorge, dass Kreativberufe überflüssig werden könnten. Menschen in Redaktionen, Marketingagenturen und Designschmieden fürchteten, dass die KI bald schneller und nicht weniger kreativ als sie arbeiten würde. Es kamen Gegenbeispiele auf, in denen Kreative bewiesen, dass KI eben doch nicht schreiben kann, eben doch keine guten Bilder entwickeln kann und so weiter. Das klang oft nach verzweifelter Gegenwehr. 


Inzwischen hat sich wohl die Haltung durchgesetzt, dass wir in Kreativberufen mit Maschinen zusammenarbeiten, aber nicht von ihnen ersetzt werden. Dass sich unsere Jobs ändern und damit auch unsere Anforderungsprofile, aber dass menschliche Kreativarbeit nach wie vor gebraucht wird. 


Und dann stolperte ich über diesen Blogpost von Ethan Mollick. Ein alter Text, denn ein Jahr ist in der heutigen KI-Zeit eine Ewigkeit. Und trotzdem scheint mir der Text aktuell und hoch lesenswert. Denn er bestätigt nicht nur, dass Kreativität und KI zusammengedacht werden sollten. Oder dass kreative Köpfe gefragt sind, wenn es um die Zusammenarbeit mit generativer KI geht. Der Text legt vor allem nahe, dass Geisteswissenschaften wie Kunstgeschichte oder Literaturwissenschaft heute wertvoller sein könnten als je zuvor. 



KI und die Renaissance der Geisteswissenschaften


Wer hätte ernsthaft den eigenen Kindern vorgeschlagen, Kunstgeschichte zu studieren, um spannende Jobs zu bekommen? Aber wer weiß, vielleicht erlebt dieses Studium jetzt eine Renaissance. Und wer weiß, was wir dann an kreativen Bildern aus den Maschinen herausholen werden. 


Wie wir mit ChatGPT und Gemini einen bestimmten Schreibstil erzeugen: Das finde ich anspruchsvoll. Aber so anspruchsvoll diese Fähigkeit ist, so hilfreich ist sie, wenn wir produktiv mit Sprachmodellen schreiben möchten. Sich mit diesem Thema zu beschäftigen, heißt für mich, tief einzutauchen in die Welt der Schreibstile und ihrer Merkmale. Das ist, auch nach jahrzehntelanger Schreibpraxis, ein abenteuerliches Unterfangen. Diesem Thema werde ich noch viele Blogposts widmen.


Bis dahin: Weiter prompten und öfter mal ins Kunstmuseum gehen! 




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