top of page
  • LinkedIn Social Icon

Schreiben als Denkprozess: Wie wir mit KI das Denken auslagern

  • Autorenbild: Hilge Kohler
    Hilge Kohler
  • vor 2 Stunden
  • 6 Min. Lesezeit

Erst klingt der Text gut und einleuchtend. Aber dann frage ich mich: Was war die Aussage? Ich lese nochmals. Und stelle fest, dass der Text eigentlich nicht viel gesagt hat. Geschliffene Oberfläche, aber wenig drin.


Wieder mal ein Text, der klingt, als sei er von einem Menschen erdacht - aber seltsam hohl nachhallt. Unbefriedigend. Vielleicht war zu viel KI am Werk. 


Dabei nutzen wir - sagen wir, viele von uns - KI doch als Tool, das uns unterstützt. Nicht als Textmaschine, die auf Knopfdruck etwas ausspuckt. Sondern Schritt für Schritt im eigenen Workflow. 


Das ist wohl nicht so leicht, wie es klingt. Studien belegen inzwischen deutlich, wie der Einsatz von KI unser kritisches Denkvermögen beeinflusst. Dabei geht es nicht darum, dass wir riskieren zu verblöden. Aber wir riskieren, zu schnell zufrieden zu sein, zu unkritisch zu hinterfragen und so weiter.


Beim Schreiben können wir das an uns selbst beobachten. Wir tappen wiederkehrend in die gleichen Fallen. Wir lieben die Bequemlichkeit, lassen uns von der Form des Outputs blenden und vertrauen der Maschine mehr, als gut wäre. 


Schauen wir uns die Fallen genauer an.



Schreiben als Denkprozess: Die erste Falle


Die erste Falle wartet gleich am Anfang: Das weiße Blatt bzw. der Verzicht darauf.


Wer kennt es nicht, das weiße Blatt, den weißen Bildschirm? Wir starren drauf, und unser Hirn ist plötzlich leer. Jetzt müssten die Gedanken kommen. Aber sie bleiben weg. Das Blatt bleibt weiß. 


Das Sprachmodell kann helfen. Statt auf Ideen vom leeren Hirn zu warten, gebe ich eine Frage ein, drücke Enter, und schwupp, füllt sich das weiße Blatt. 

Das, sagt die Wissenschaft, ist das erste Problem. Wenn Sprachmodelle uns das Denken im Einstieg abnehmen, kommt unser Hirn nicht auf Trab. Wenn wir uns Ideen liefern lassen, können wir zwar weiterarbeiten, aber unser eigenes Produktivzentrum bleibt auf Standby. 


Die produktiven Mühen müssen sein. Manche sprechen von Geburtswehen, ohne die kein guter Text entsteht. Andere denken ans Aufwärmen wie beim Sport. Jedenfalls muss das Hirn in Gang kommen. Hilfe ist gut, Ersatz ist Gift.

 

Mit dem Denken ist es wie mit dem Gehen: Eigentlich einfach, aber Übung muss sein. Ich kann den Fahrstuhl nehmen oder die Rolltreppe, aber ich gewöhne mich schnell daran. Heute nehme ich die Rolltreppe, weil ich so müde bin. Morgen nehme ich sie, weil es so bequem ist. Und übermorgen habe ich mich so daran gewöhnt, dass das Treppensteigen mir zu schwer fällt. Deshalb:


Nutzt das weiße Blatt! Nehmt die Mühe auf euch und entwickelt eigene Ideen. Geht die erste Meile selbst, bevor ihr das Sprachmodell hinzuzieht. 

Ein Tipp: 

Wenn ihr mit dem Sprachmodell zusammen Ideen entwickelt, dann stellt sicher, dass ihr selbst aktiv werdet. Zum Beispiel in einem Ideen-Tandem, bei dem ihr abwechselnd mit dem Sprachmodell arbeitet. Wie das geht, habe ich in meinem Newsletter vom Juni 2026 erklärt, zusammen mit einem Prompt zum Ausprobieren.



Falle Nummer Zwei: Die Kompetenz-Illusion


Sprachmodelle geben auf jede Frage eine Antwort. Mag die Frage noch so abwegig sein, speziell, unglücklich formuliert: Irgendeine Antwort kommt. Und sie klingt gut. Sprachmodelle sind in erster Linie rhetorische Maschinen. Sie formulieren wohlklingende Argumente und Erklärungen, und das unabhängig vom Wahrheitsgehalt oder der Tiefe der Inhalte. An uns ist es, kritisch zu prüfen.


Wenn wir uns von der Form blenden lassen, hinterfragen wir zu wenig. Es klingt gut, also denken wir, es wird schon passen. Da mag eine Prise Bequemlichkeit im Spiel sein, aber auch eine Portion Gewohnheit. Denn oft gehen kluge Inhalte mit geschliffenen Formulierungen einher - aber eben nicht bei Sprachmodellen. 


Wir lassen uns vom rhetorische Schliff beeindrucken, übernehmen die Inhalte bereitwillig - und meinen, wir hätten verstanden, worum es geht. Wir bemühen nicht unseren eigenen Denkapparat, sondern reproduzieren das, was die Maschine produziert hat. “Kompetenz-Illusion” nennt die Wissenschaft dieses Phänomen.


Beim Lernen zeigt sich das so: Inhalte vom Sprachmodell sind schnell gelernt, ich kann mir viel Wissen in kurzer Zeit aneignen. Am nächsten Tag kann ich es in einer Prüfung wiedergeben. Aber nach zwei Wochen ist es weg. Ich habe das Gelernte nicht mit eigenem Wissen verknüpft, habe es nicht tiefer in mein Hirn eindringen lassen. Es sitzt irgendwo an der Oberfläche und fällt bei nächster Gelegenheit wieder ab. 


Beim Schreiben heißt das: Ich übernehme Inhalte vom Sprachmodell, aber verarbeite sie nicht tiefer. Ich baue sie in meinen Text ein, ohne sie mit meinem eigenen Wissen, meinen Erfahrungen  und Gedanken verknüpft zu haben. Dann lasse ich den Text vom Sprachmodell im eigenen Stil überarbeiten, und es klingt nach mir. Aber inhaltlich ist das Ergebnis genauso generisch wie viele andere Texte. Persönliche Gedanken: Fehlanzeige. 


Was immer das Sprachmodell an Input liefert: Ich muss es weiter verarbeiten. Nicht copy and paste, nicht einfach umformulieren, weil es schon schlüssig wirkt. Sondern hinterfragen, selbst auf den Gedanken herumkauen, Ideen weiterspinnen und mit dem verknüpfen, was in meiner Welt sonst noch existiert. 


Wir müssen uns selbst die Mühe machen, uns mit den Inhalten zu beschäftigen, damit wir unsere eigenen Gedanken auf Trab und so auch in den Text bekommen. Deshalb:


Lasst euch vom Sprachmodell Rohmaterial liefern, keine fertigen Ergebnisse! Rohmaterial müsst ihr weiter bearbeiten, und dabei bringt ihr eure persönliche Note in den Text.

Die richtige Methode kann helfen. Statt mir einen fertigen Text über ein Thema schreiben zu lassen, fordere ich Stichworte zum Thema an. Mit den Stichworten muss ich weiterarbeiten, selbst wenn sie alle schlüssig klingen. Und wenn ich aus den Stichworten ganze Sätze und einen ganzen Text formuliere, merke ich schnell, ob das alles so schlüssig ist, wie es klingt. 





Anthropomorphismen bilden die dritte Falle


Die dritte Falle lauert spätestens am Ende, wenn der Text fertig ist. Dann lassen wir uns schnell noch Feedback geben, denn darin sind Sprachmodelle ja Meister. Sparringspartner, Leserpersona etc. Dass wir das Feedback des Sprachmodells kritisch prüfen, ist ja klar. 


Wirklich? So klar ist es offenbar nicht. Denn Untersuchungen zeigen: Je mehr wir Sprachmodelle vermenschlichen, desto weniger kritisch prüfen wir ihre Antworten.


Anthropomorphisierung ist das Fachwort. Zu deutsch Vermenschlichung. Daran ist nichts ungewöhnlich. Wir vermenschlichen auch unsere Autos und unsere Haustiere sowieso. 


Wenn wir Sprachmodelle vermenschlichen, ist das zweischneidig. Einerseits kann es helfen, mit dem Modell produktiv zusammenzuarbeiten. Denn Kooperation braucht Vertrauen, und wenn ich der Maschine gar nicht vertraue, werde ich mit ihr auch nicht warm. Dann läuft´s nicht. 


Andererseits steht Vertrauen dem kritischen Blick im Weg. Das kennen wir aus dem Alltag. Sagen wir, eine Kollegin, die ich lange kenne und deren Arbeit ich schätze, legt mir einen Text vor. Ich weiß, dass ihre Arbeit in der Regel gut ist, und werde entsprechend oberflächlich prüfen. Einen Blick drauf werfen: Sieht gut aus, kann live gehen. Ein Kollege, der gestern angefangen hat und dessen Arbeit ich noch nicht kenne: Da werfe ich besser einen genauen Blick drauf. Ich lese kritisch und prüfe jeden Satz. 


Ein Sprachmodell sollte für mich immer wie ein neues Tool sein, dessen Ergebnisse ich prüfen muss. Es kann schon helfen, auf die eigene Sprache zu achten: Nutze ich das Sprachmodell als „Sparringspartner“ oder zum Sparring? Deshalb:


Vorsicht beim Anthropomorphisieren! KI zu vermenschlichen, ist menschlich - aber wir müssen den kritischen Blick bewahren.

Das weiße Blatt überspringen, die eigene Kompetenz im Thema überschätzen und dem Sprachmodell zu stark vertrauen: Dies sind die drei Fallen, die uns immer wieder begegnen, wenn wir das Schreiben als Denkprozess pflegen wollen.



Die drei Fallen verstärken sich gegenseitig 


Es beginnt damit, dass ich die produktive Mühe scheue, das weiße Blatt schnell mit Ideen von der KI fülle. Meine Arbeit kommt voran, aber mein Hirn bleibt auf Standby. 


Im weiteren Verlauf lasse ich mir Fakten, Argumente, Erklärungen von der KI erstellen. Und da mein Hirn noch auf Standby ist, lasse ich mich umso schneller von der Form beeindrucken - wird schon passen, denke ich und übernehme die Gedanken einer Maschine. Ich glaube, die Kontrolle über den Prozess zu haben, denn das Ergebnis liest sich ja gut, und mein schlafendes Hirn hinterfragt nicht groß. Ich unterliege der Illusion meiner eigenen Kompetenz. 


Die Zusammenarbeit mit der KI läuft gut für mich - ich bin schnell fertig, scheinbar mühelos habe ich einen Text geschustert, der sich flüssig liest und überzeugend klingt. Spätestens jetzt prüfe ich das Ergebnis nicht mehr wirklich, denn ich habe ja die Erfahrung gemacht, dass die KI gut arbeitet. Ich vertraue der Maschine, sie ist meine neue beste Kollegin. 


Im Ergebnis führt das zu Texten, die zwar gut klingen, aber gedanklich auf einer generischen Oberfläche bleiben. Und diese Texte führen dazu, dass wir gemeinsam ins Uncanny Valley des Textens hinabrutschen, wo sich Texte gut lesen, aber irgendwie auch falsch. Texte, die fast perfekt menschlich klingen, aber nicht ganz: Wir spüren, dass kein Mensch aus diesen Texten spricht. Und das zerstört unser Vertrauen ineinander.


Deshalb: Besser selber denken - auch wenn's Mühe kostet!



Übrigens: Nicht alle Texte müssen durch solch eine gründliche Denkprozedur gezogen werden. Viele Gebrauchstexte lassen sich durchaus mit KI automatisieren. Die gesparte Zeit können wir dann in unsere persönlichen Texte investieren. Mehr dazu demnächst in meinem LinkedIn “Klartext”.




Lust auf mehr Schreiben mit KI?


Auf meiner Website findet ihr mein Angebot rund ums Schreiben mit KI. Von offenen Seminaren über Inhouse-Angebote bis zu Einzelcoachings. Stöbert herum, und wenn ihr nichts Passendes für euch findet, schreibt mir. Ich freue mich darauf, von euch zu hören.


Hier geht's zu meinen Workshops und Coachings fürs Schreiben mit KI


Kommentare


Abonniere meinen Newsletter, um auf dem Laufenden zu bleiben

Vielen Dank! Du erhältst jetzt eine Mail mit Link zur Bestätigung des Abos. Bitte prüfe deine Inbox und ggf. den Spamordner. Die Bestätigungsmail ist unterwegs.

  • Grey LinkedIn Icon

hilge@hilgekohler.com

T 06221/6528744

© 2026 by Hilge Kohler 

bottom of page