• Hilge Kohler

Gut informiert aber kaum inspiriert

Aktualisiert: 13. Nov 2019

So haben die Hauptversammlungs-Reden im TecDAX in der Analyse abgeschnitten



Was wir im TecDAX hörten, hat uns gut informiert aber selten inspiriert. Viele Auftritte waren gepflegt, solide aufgebaut und meist sorgfältig geplant, aber letztlich belanglos. Schade, denn besser hätten die Voraussetzungen für den großen Auftritt und lohnenden Austausch kaum sein können.


Es hätte gut werden können. Sie waren wichtig und wollten uns für sich gewinnen. Wir waren neugierig und wollten umworben werden, wollten unser Geld und unser Vertrauen in den richtigen Händen wissen. Zur Hauptversammlungszeit trafen wieder führende Unternehmen auf kleine und große Aktionäre.


Mit dabei war auch unser Analystenteam des Verbandes der Redenschreiber: Wir praktizierenden Redenschreiber und Rhetoriktrainer haben in diesem Jahr die TecDAX- Unternehmen analysiert, die größten börsennotierten Unternehmen Deutschlands aus Hightech-Branchen wie Biotechnologie, erneuerbare Energien und IT. Die Reden der knapp 30 TecDAX Firmenchefs wurden auf Aspekte wie Inhalt, Sprache und Auftritt geprüft. Die Ergebnisse wurden im Überblick veröffentlicht und im Detail an die Unternehmen geschickt.

Mein Fazit aus den Reden, die ich hörte und las: Über weite Strecken gepflegte Belanglosigkeit.

Ich hörte Firmenchefs, die über zukunftsträchtige Jobs, neueste Technologien und seltene Einblicke verfügen; die von kühnen Plänen, großen Gefahren und spannenden Entdeckungen erzählen könnten und uns dabei erklären, was das alles für uns bedeutet. Aber ich hörte Fachvorträge, Marketingpitches und Lageberichte.

Ich wurde ganz gut informiert, aber so gar nicht inspiriert. Wo waren die kühnen Visionäre und mutigen Helden? Die glaubhaft aus einer Dorfapotheke einen Weltkonzern schmieden können, der sich aufmacht, die Welt vom Krebs zu befreien, und die nicht mehr als eine Garage brauchen, um mit Ideen und Algorithmen die Welt zu verändern? Weise Vordenker und entschlossene Anführer, die klare Gedanken einfach formulieren, um uns zu überzeugen? Die uns nicht mit optimierten Geschäftsstrukturen, strategischen Kernkompetenzen und veränderten Kundenbedarfen das Gehör vernebeln? Hauptversammlungs-Helden eben, die die jährliche Bühne nutzen, um uns mit auf ihre Reise zu nehmen.


Wer kann den Dialog zwischen Unternehmern, Politik und Gesellschaft aus seinem Dornröschenschlaf holen?


Mag sein, dass Unternehmen weniger Heldenmut und mehr Bescheidenheit brauchen, wenn sie die Verantwortung für Technologie, Gelder, Jobs und gesellschaftliche Ansprüche ernst nehmen. Mag auch sein, dass lautes Trommeln kein verlässlicher Ausweis erfolgreichen Unternehmertums ist. Sicher aber würden bewegende Worte helfen, den Dialog zwischen Unternehmern, Politik und Gesellschaft aus seinem Dornröschenschlaf zu holen. Und das wäre gut für uns alle.


Die üblichen Einwände, dass Hauptversammlungen reine Pflicht seien, dass kaum wirklich interessierte Zuhörer kämen und somit die Bedeutung nicht überschätzt werden sollte, gelten nicht. Denn:

  1. Wenn eine Hauptversammlung eine Pflichtveranstaltung ist, auf der unter selbst gewähltem Ausschluss der interessierten Öffentlichkeit geredet wird, dann kann ich mir eine bessere Übungsbühne für große Reden kaum vorstellen.

  2. Wenn nach redlichem Üben die Reden spannender, packender und erlebenswerter werden, dann wird das Publikum schon kommen.

  3. Wenn es soweit kommt, dann wird die Hauptversammlung zum lohnenden Anlass. Für Redner und Publikum.

Das wird gut. Wir warten.



Über die Reden-Analyse


Rund 20 Analyst:innen verfolgten die Reden der TecDAX-Vorstände vor Ort oder per Videoaufzeichnung. Zusätzlich analysierten spezialisierte Teams einzelne Aspekte wie Sprache, inhaltlicher Aufbau oder Vortragsstil. Alle Analysten arbeiteten ehrenamtlich als Mitglieder des Verbandes der Redenschreiber, VRdS.

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