Vom Ghostwriter zum Assistenten: Wie wir Texte mit KI schreiben, die nach uns klingen
- Hilge Kohler
- vor 4 Tagen
- 6 Min. Lesezeit
KI schreibt einen Text: Zehn Sekunden. Ich überarbeite den Text, damit er gut wird: 20 Minuten.
So ähnlich höre ich es in meinen Seminaren. Teilnehmende versuchen, mit KI zu texten, aber die Texte taugen nicht viel.
Eigentlich soll KI helfen, Texte zu schreiben. Eine Erleichterung gerade für Menschen, die sich mit dem Schreiben schwer tun.
Aber der Alltag sieht anders aus. “ChatGPT, schreib mir einen Text”, und postwendend kommt das Ergebnis. Auf den ersten Blick sieht es gar nicht schlecht aus. Aber beim näheren Hinsehen: Allgemeinplätze, Floskeln, heiße Luft. Formulierungen wie: “In einer Welt, in der…”, “tauchen wir ein in…” “einerseits - andererseits”.
Das Problem mit dem Ghostwriter-Ansatz
Kann KI doch nicht schreiben? Zumindest nicht besser als wir? - Ja und nein. Das Problem ist nicht die KI, sondern unsere Art, sie zu nutzen.
Oft nutzen wir Sprachmodelle als Ghostwriter. Wir geben unsere Infos ein, drücken Enter und erwarten ein fertiges Ergebnis. Das funktioniert aber nicht.
Manchmal briefen wir das Sprachmodell. Einen Ghostwriter muss man ja auch briefen. Wir geben Inhalte vor, Textlänge, beschreiben kurz den gewünschten Stil. Das Ergebnis: Besser als ohne Briefing. Aber richtig gut wird es auch nicht. Passt inhaltlich vielleicht so halb, aber klingt nicht wirklich nach uns.
KI-Berater sagen dann: Ihr macht das ja auch falsch. Ihr müsst euch einen Agenten bauen. Den müsst ihr dann briefen, anlernen, finetunen - und dann geht es irgendwann.
Ja, kann man machen. Aber es geht auch einfacher.
Schreiben mit KI als Assistent
Die Lösung: Wir behandeln das Sprachmodell als Assistent, nicht als Ghostwriter.
Vom Schreibassistent erwarte ich kein fertiges Ergebnis wie von einem Ghostwriter. Ich erwarte, dass mein Assistent mir hilft, wenn ich nicht weiterkomme. Dass er mir einzelne Aufgaben abnimmt.
Statt fertiger Texte erwarte ich vom Sprachmodell Zuarbeit. Zum Beispiel:
Rohware: Textblöcke, die ich überarbeite, damit sie wirklich nach mir klingen.
Vorschläge: Ideen für Inhalte, Alternativen für Formulierungen.
Perspektivwechsel: Feedback, auf meine Texte, das ich entweder annehmen kann oder nicht.
Den Griffel behalte ich in der Hand, das letzte Wort habe ich.
Das kann im ersten Moment länger dauern, als den Text selber zu schreiben.
Mit der Routine aber dreht sich das Ganze um: Wir werden nicht nur besser beim Schreiben, sondern auch schneller. Denn ich kann das Sprachmodell gezielter steuern - mein Assistent lernt, was ich mir vorstelle.
Probieren wir es aus!
In drei Schritten machen wir ChatGPT & Co zu unseren Schreibassistenten. Ohne Coding oder Prompt Engineering.
Drei Schritte für Texte, die nach uns klingen
Stellen wir uns vor, ich müsste eine Mail schreiben. Zum Beispiel an mein Projektteam: Ich muss unser Meeting kurzfristig absagen und bitte das Team, einfach an ihren Aufgaben weiterzuarbeiten, bis wir einen neuen Meetingtermin haben.
Ich prompte ChatGPT:
Schreib eine E-Mail an mein Projektteam und sage das Meeting ab. Ich muss zum Arzt, dringend. Aber sie sollen sich keine Sorgen machen. Ich will, dass sie weiter arbeiten und vor allem alle Deadlines einhalten. Ich melde mich dann mit einem neuen Termin.
Das Ergebnis:

Nein, das schicke ich nicht raus. Klingt nicht nach mir und wirkt, als ob da noch Informationen fehlen. Statt dessen gehe ich so vor:
Schritt 1: Inhalte strukturieren lassen
Was will ich sagen? - Die Frage sollte leicht zu beantworten sein. Bevor ich mit dem Schreiben beginne, weiß ich in der Regel, was ich sagen möchte.
Schwieriger ist die Frage: Was sage ich zuerst, wie mache ich weiter und wie höre ich auf? Die Reihenfolge - oder die Struktur meines Textes. Bei einer Mail ist das noch überschaubar, aber bei einem LinkedIn Post oder Fachtext kann der Überblick schnell verloren gehen.
Zeit für meinen Assistenten: Das Sprachmodell hilft mir, meine Inhalte zu sortieren und in eine sinnvolle Struktur zu bringen.
Ein Beispielprompt für diese Aufgabe:
Ich muss eine E-Mail an mein Team schreiben. Hier sind meine Inhalte:
- Meeting heute absagen (Arzttermin)
- Kein Grund zur Sorge
- Team soll weiterarbeiten
- Deadline Kundenbericht gilt weiterhin (Freitag)
- Neuer Meeting-Termin bis morgen
Bring diese Inhalte in eine sinnvolle Reihenfolge für meine Mail. Welche Struktur schlägst du vor?
Heraus kommt eine Übersicht in Stichworten. Zum Beispiel in Claude:

Ich kann meinen Assistenten auch fragen, ob meine Inhalte vollständig sind. Zum Beispiel die Mail an das Projektteam: Habe ich an alles gedacht? Muss mein Team vielleicht wissen, wann der neue Termin festgesetzt wird? Oder wann ich für Fragen wieder erreichbar bin? Mit einem einfachen Prompt kann ich das Sprachmodell auffordern, meine Inhalte zu prüfen.
Prüfe die Inhalte. Habe ich an alles gedacht? Fehlt eine Information? Ist es zu viel Information?
Gemini erstellt mir eine Liste:

So sind wir schnell fertig. Mein Text ist strukturiert, die Inhalte stehen in einer sinnvollen Reihenfolge. Ich weiß, was ich sagen will und wann. Und ich weiß, wie ich einsteige und wie ich den Text beende.
Schritt 2: Den ersten Entwurf schreiben
Jetzt geht es darum, aus den Stichworten und Gedankenfetzen einen sinnvollen Text zu formulieren. Mein Assistent übernimmt den ersten Entwurf. Er weiß ja, worum es geht und wie der Flow ist.
Mein Assistent muss noch wissen, wie ich klingen möchte. Das sollte ich nicht nur in einem Stichwort sagen, wie "freundlich" oder “locker”. Besser ist es, den Ton kurz zu beschreiben. Zum Beispiel so:
Schreib die E-Mail sachlich-freundlich und knapp. Kollegialer Ton auf Augenhöhe, transparent, ohne Drama. Ich will professionell wirken, aber nicht distanziert.
Das Sprachmodell produziert einen Text. Der klingt wahrscheinlich noch nicht nach mir. Das macht nichts, denn ich erwarte ja kein fertiges Ergebnis, sondern Rohware.
Mit dem Stil-Prompt bin ich zwar schon weg von KI-Standard und näher an meinen persönlichen Ton gerückt. Aber nun geht es an den Feinschliff. Ich kann:
Sätze kürzen, zusammenführen oder umstellen
Formulierungen ändern, Substantive durch Verben ersetzen
Passagen ausführlicher fassen und andere knapper
und anderes mehr.
Am einfachsten geht das in einem Textdokument. Ich kopiere den Text aus dem Sprachmodell und überarbeite ihn in dem Dokument. So wie wir seit Jahrzehnten Texte schreiben. Wer möchte, kann den Text aber auch direkt im Sprachmodell editieren. Zum Beispiel über den Canvas in ChatGPT oder die Antwortfunktion in Claude, wie auf dem Screenshot zu sehen ist.

Meine Änderungen zeigen meinem Assistenten, wie ich klingen möchte. Je öfter wir zusammenarbeiten, desto genauer kennt er meinen Stil. Umso klarer kann ich meinen Stil beschreiben und umso besser kann das Sprachmodell meinen Stil treffen. Der Weg dahin besteht vor allem aus Übung.
Schritt 3: Formulierungen verfeinern
Manchmal will es gar nicht laufen mit dem Umformulieren. Mir fällt kein besseres Wort ein. Ich weiß nicht, wie ich den Satz umstelle, damit es einfacher klingt. Oder ich suche händeringend nach einer anschaulichen Beschreibung.
Mein Assistent steht schon bereit. Das Sprachmodell ist wie gemacht dafür, kleine Schreibanstöße zu geben. Hier eine alternative Formulierung, da ein Synonym oder eine Metapher. Auf Anfrage liefert es gleich mehrere Alternativen. Zum Beispiel:
Oft genügen die Vorschläge vom Sprachmodell, damit ich auf die richtige Idee komme. Das höre ich auch oft von Kollegen. Zum Beispiel: Wir lassen uns fünf Headlines vorschlagen - und wenn wir sie gelesen haben, schreiben wir eine sechste, die uns am besten gefällt.
Sprachmodelle scheinen unser eigenes Denken anzukurbeln, unsere Ideen in Gang zu bringen. Vorausgesetzt wir setzen sie entsprechend ein: Nicht als Ghostwriter, die uns die Arbeit abnehmen - sondern als Assistenten, die unser eigenes Schreiben vorantreiben.
Extra-Tipp: Beispieltext speichern
Wenn ich jetzt einen Text habe, der mir wirklich gut gefällt und nach mir persönlich klingt: Dann speichere ich ihn. Mit solchen Beispieltexten kann ich das Sprachmodell in Zukunft genauer prompten, damit es Texte in meinem Stil schreibt.
Wie das geht: Darüber schreibe ich in einem nächsten Blogbeitrag. Mein Tipp: Abonniert meinen Newsletter, um den Beitrag nicht zu verpassen.
Wo stehen wir nun?
In drei Schritten haben wir unseren eigenen Text gebaut, mit KI als Assistent. Wir haben:
unsere Inhalte strukturieren lassen
absatzweise Text erzeugen lassen
uns bei der Überarbeitung Vorschläge geben lassen.
Mein Beispiel war so simpel, dass die meisten von uns den Text wahrscheinlich selbst aus dem Ärmel geschüttelt hätten. Je komplexer ein Thema aber wird, desto hilfreicher ist der Assistent. Das Beispiel soll auf einfache Art klarmachen, wie wir Schritt für Schritt vorgehen.
Das Sprachmodell hat uns in dem Beispiel begleitet und unterstützt - aber wir haben den Griffel die ganze Zeit in der Hand behalten. Das Ergebnis: Eine Mail oder ein Text, der nach uns persönlich klingt, nicht nach KI.
Jetzt seid ihr dran
Könnt ihr mit den drei Schritten arbeiten? Probiert es aus! Mit der Mail aus dem obigen Beispiel oder mit einem eigenen Text. Setzt die drei Schritte um: Bringen sie euch voran? Wie sieht euer Ergebnis aus?
Teilt eure Erfahrungen und eure Ergebnisse hier in den Kommentaren. Denn: Wie wir am besten mit Sprachmodellen schreiben, das wird an keiner Schule gelehrt. Das bringen wir uns gerade selbst bei. Indem wir erkunden, experimentieren, ausprobieren. Und indem wir unsere Erfahrungen teilen und gemeinsam lernen.
Seid ihr dabei? Ich freue mich auf eure Kommentare.
In meinem nächsten Blogbeitrag geht es um Stil: Wie schaffen wir es, unseren Texten unseren ganz persönlichen Stil zu geben? Ich zeige, wie ich vorgehe. Mit Prompts und praktischen Tipps.
Ihr wollt keinen Beitrag verpassen? Dann abonniert gleich meinen Newsletter.

.png)