• Hilge Kohler

Wir sind hier - lasst uns reden!

Aktualisiert: Juni 18

Warum digitale Lehre Präsenz braucht



Digitale Lehre und Präsenz gehen offenbar nicht zusammen. Oft höre und lese ich, wie sehr Studierende Präsenzveranstaltungen vermissen. Lehrkräfte sorgen sich, dass sie eingespart werden, wenn digitale Lehrveranstaltungen aus der Konserve angeboten werden. Immerhin schätzt eine Freundin die digitale Lehre, weil sie als Studierende die Vorlesungen im Nachgang in aller Ruhe mehrmals abhören kann.


Digital scheint im Wesen asynchron zu sein und damit nicht geeignet für Dialog und produktives Miteinander. “Wir müssen uns zusammensetzen, um uns auseinanderzusetzen”, formuliert Gabriela Jaskulla in der FAZ. - Das stimmt, aber geht das nicht auch digital?


Warum können wir nicht digital zusammen sitzen?

Erstens: Präsent sind wir hoffentlich auch digital.

Wir hören, sehen, sprechen ins Mikro und schreiben im Chat - was bräuchte es noch, um präsent zu sein? Spätestens wenn wir feststellen, dass hinter den ausgeschalteten Kameras keine Menschen mehr sitzen - wenn wir bitten, alle mögen ihre Kameras einschalten, und einige Kameras bleiben hartnäckig dunkel - dann wissen wir, dass Präsenz auch digital ein Zustand ist, der eintreten kann, aber nicht muss.


Zweitens: Physische Präsenz ist kein Garant für mentale Auseinandersetzung.

Wer Wirtschaftswissenschaften an einer großen Uni studiert hat, weiß, wovon ich rede. Ich erinnere mich an Vorlesungen im Erstsemester, die auf den Bildschirm in einem zweiten Hörsaal übertragen wurden, weil nicht alle Studierenden ins Audimax passten. Da fand der Dialog vor allem mit den Sitznachbarn statt und drehte sich selten um die Vorlesungsinhalte.


Wir müssen uns zusammensetzen, um uns auseinanderzusetzen - aber wir setzen uns nicht auseinander, nur weil wir physisch zusammen sitzen.

Wenn Dozenten digital keinen Dialog führen, kann das viele Ursachen haben.

Vielleicht ist die Methode falsch gewählt oder das Tool passt nicht zur Gruppengröße, vielleicht liegt es am Vortragsstil oder der Studierkultur, vielleicht besteht auch kein Interesse am Dialog. Womöglich fällt es nur im digitalen Raum erstmals störend auf, wenn kein Dialog zustande kommt.


Wer zu Beginn seines Vortrags alle Teilnehmer bittet, Kameras und Mikros auszuschalten, tut zwar etwas für die Bildübertragung und Tonqualität, aber ermuntert sein Publikum nicht zum Mitwirken.

Auch im Digitalen können Menschen zusammen wirken.

Ich habe digitale Sessions erlebt, in denen einander unbekannte Menschen zusammen saßen, um Lösungen für drängende Probleme zu finden. Ich habe mit 70 Mitstreiter:innen und der kollaborativen Methode “Liberating Structures” Lösungen entwickelt, um Karnevalsvereine unter Coronabeschränkungen vor der drohenden Pleite zu bewahren - rein digital, hochproduktiv und mit viel Spaß. Technische Ausstattung: Videokonferenz und ein digitales Whiteboard, beides für wenig Geld verfügbar. Warum soll das in der digitalen Lehre nicht möglich sein?


Dialog ist digital genauso möglich wie analog. Er funktioniert nur anders. Was nicht funktioniert, ist unsere Gepflogenheiten aus dem Analogen in den digitalen Raum zu übertragen.

Der digitale Raum ist Neuland.

Um ihn zu erfassen, müssen wir ihn neu denken. Wie können wir uns digital zusammensetzen? Was brauchen wir um uns produktiv auseinanderzusetzen? In einem Trainerteam sind wir der Frage nachgegangen. Wir haben analoge Methoden ins Digitale übertragen und in der Praxis ausprobiert. Oft trieb uns die Frage um, wie ein Wir-Gefühl entsteht und Teilnehmende zu Mitwirkenden werden.


Wir haben Methoden und Praxis digitaler Lehre zusammengetragen.

Unsere Erkenntnisse veröffentlichen wir demnächst in einem frei zugänglichen Buch. Wer tiefer einsteigen möchte, wird online weitere Quellen finden. Vielleicht tragen wir so dazu bei, den digitalen Raum zu erkunden. Wir freuen uns, wenn mit der Zeit neue Landkarten entstehen.


Wer hat Lust, das Terrain mit zu erkunden? Wir sehen uns im digitalen Raum!

#AnalogZuDigital



Titelbild: 정훈 김 auf Pixabay




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